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2019: Von Vorsätzen und Schicksalen

Es ist das gleiche Gefühl, das mich überkommt. Jedes Jahr, am Anfang, wenn der Alltag zurück gefunden hat. Wenn der Wecker klingelt, ich aufstehe und merke, dass sich im Grunde nichts geändert hat. Natürlich habe ich das nicht erwartet, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich es mir ein klein bisschen gewünscht. Dass aus mir auf magische Weise ein Morgenmensch wird, dass ich den Tag mit einem Sonnengruß starte und mich plötzlich die Lust überkommt, zum ersten mal in meinem Leben mit dem Joggen anzufangen. Stattdessen quäle ich mich aus dem Bett, habe schon 3 mal die Snooze Taste betätigt und man – der Kühlschrank ist noch gepackt voll von Silvester, aber etwas richtiges zu frühstücken gibt es auch nicht. Also mache ich mir eine Tasse Kaffee, schnappe mir eine Banane und setze mich an den PC.

Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass im neuen Jahr nicht auf magische Weise plötzlich alles besser wird.

Oder anders. Vieles bleibt genauso beschissen wie vorher. Trump sitzt immer noch im Weißen Haus, will für 5 Milliarden Dollar eine Mauer bauen und ist der Grund, wieso 800.000 Staatsangestellte nicht mehr bezahlt werden und gerade blinkt auf meinem Handy eine Eilnachricht: Zugunglück in Dänemark. Mehrere Tote. 2019 ist nicht das Jahr, in dem wir aufwachen und die Welt ist einfach so ein besserer Ort.

Der Anfang des Jahres ist die Zeit, in der wir mit voller Wucht merken, dass das Leben anstrengend sein kann. Dass wir keine Kinder mehr sind, deren Alltag so sorgenlos und vorstrukturiert ist, dass man im besten Fall von all den negativen Dingen, die auf dieser Welt passieren, gar nichts mitbekommt. Wir sind jetzt die Erwachsenen. Wir haben eine Verantwortung, denn wir müssen die Gesellschaft mitformen. Wir müssen aufmerksam sein, Geschehnisse einordnen und im Diskurs bleiben. Wir müssen Papierkram machen und uns versichern. Wir müssen davon ausgehen, dass wir einmal so alt werden, dass wir eine Rente benötigen, vielleicht mal ein Haus kaufen. Oder eine Wohnung. Man muss ja mal was eigenes haben, oder? Wer bezahlt das?

Also sitze ich hier, am ersten Alltag im neuen Jahr und habe einen kleinen Kloß im Hals. Wenn man einen kreativen Beruf ausübt, dann hat man nicht wirklich einen Alltag. Das funktioniert so nicht. Man hat keinen Stapel Zettel, einen Haufen Fälle oder einen Lehrplan, den man abarbeitet. Man kann nur immer wieder in sich selbst vertrauen, manchmal stundenlang einfach da sitzen, herumlaufen, in die Leere starren und hoffen, dass einen die Muse küsst. Dass dir irgendetwas einfällt, was du schreiben, fotografieren, zeichnen kannst. Und das ist an einem Tag so einfach wie das atmen und am anderen Tag sitzt du stundenlang da, starrst ins Leere und hörst die Uhr ticken. Du musst mal wieder etwas schreiben. Der Kunde wartet. Du musst produzieren. Jetzt. Jetzt muss dir etwas einfallen!

Also sitze ich hier, mein Kaffee ist schon kalt und ich frage mich – wie lange kannst du das noch tun?

Was willst du noch schreiben? Ist nicht irgendwann einfach alles gesagt? Wie viele Fotos kann ein Mensch schießen und wie viele Bilder kann er zeichnen? Und dann denke ich über Alternativen nach. Ich versuche mich mir vorzustellen, in den unterschiedlichsten Szenarien: Wie ich als Polizistin für Recht und Ordnung sorge, wie ich auf einem Amt Unterlagen zu Ordnungswidrigkeiten durcharbeite, wie ich vor einer Klasse stehe und den Unterrichtsplan für die nächsten Wochen vorstelle. Es geht nicht. All die Menschen, die diese Berufe ausführen bewältigen tagtäglich Aufgaben, an denen ich schon in der ersten Instanz scheitern würde. Ich kann mir nicht vorstellen, selbst wenn es manchmal das schwerste der Welt zu sein scheint, einen Beruf auszuüben, in dem ich nicht mehr kreativ sein kann.

So ist also das Fazit: weitermachen.

Vielleicht ist es irgendwann mein Untergang. Vielleicht ist meine Kreativität wie Streusand, der durch eine Sanduhr gleitet und eines Tages einfach abgelaufen ist. Aber bis dahin brauche ich das alles, zumindest in irgendeiner Weise. Ich will produzieren und teilen und manchmal stundenlang verzweifelt nach einer Idee suchen. Ich will weiterhin so wählerisch sein, dass es mich manchmal fast an die Grenzen meiner Existenz bringt und ich will’s gar nicht für das Geld machen und keine Ahnung haben, ob ich das alles schaffe. Was erwarte ich also in diesem neuen Jahr? Die Wanduhr tickt im Hintergrund. Es ist, als wenn sich jede Sekunde mit einem kleinen Trommelschlag verabschiedet. Tick, tack, die Zeit bleibt nicht stehen. Aber wir können sie verlangsamen. Indem wir sie wahrnehmen, die Sekunde, die Stunde, den Tag. Nicht auf das nächste Wochenende, den nächsten Sommer, den nächsten Urlaub warten, sondern jetzt, gerade hier sein. Das hier ist ein Teil deiner Zeit. Deiner viel zu kurzen, immer weiter laufenden, viel zu vergänglichen Zeit. Nimm sie wahr! Das Jahr wird so schnell umgehen und wir verbringen sie damit uns Sorgen zu machen, über Dinge, die noch gar nicht geschehen sind.

14 Comments

  • Bine
    8 Monaten ago

    Wie schön ist bitte das Bild mit dem Wald im Fenster?? Ich glaube das ist mein neues Lieblingsfoto von dir 😊 Ich wünsche mir, dass du immer weiter Fotos schießt und zeichnest und schreibst!




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    • Jana
      8 Monaten ago

      oooh, vielen dank




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  • 8 Monaten ago

    Toll geschrieben! Manchmal geht es mir ähnlich – ich bin zwar nicht selbstständig, aber auch so ist es im Alltag nicht immer so leicht. Immerhin hatte ich über Weihnachten zwei Wochen Pause und kann jetzt mit neuer Energie wieder ins neue Jahr starten.




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    • Jana
      8 Monaten ago

      Absolut, ist im Angestellten Verhältnis ja vermutlich genauso stressig. Man ist ja auch immer abhängig von anderen und in die Zukunft blicken kann man ja genauso wenig.




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  • jana
    8 Monaten ago

    Alles entwickelt sich weiter – gestern hast du noch auf einem Dach nur Modefotos gemacht und weniger geschrieben. Kommt Zeit, kommt Rat. Oder „Eile mit Weile“ wie gut das wir uns immer wieder anpassen oder auch du dich den Situationen stellst.




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  • 8 Monaten ago

    Bitte immer schön weitermachen 😍 Ich bin zwar eine stille Leserin, freue mich aber jeden Anfang des Monats schon auf meinen neuen Handyhintergrund von dir und lese sehr gerne deine Blog Posts!




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    • Jana
      8 Monaten ago

      oooh, das freut mich ich male heute abend was, stelle ich dann morgen online




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  • Susi
    8 Monaten ago

    Jana, deine Bildbearbeitung ist Wahnsinn! So viel liebe zum Detail und so ausergewöhnlich!
    Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Zeit du in diese Bilder steckst…
    Was ist eigentlich zuerst da: das Foto oder die Bearbeitungsidee?
    Ich freue mich, wenn es 2019 wieder spannende Dinge von dir zu sehen oder lesen gibt!




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    • Jana
      8 Monaten ago

      uuh, vielen dank! Im besten Fall weiß ich schon vorher, was ich mit dem Foto anstelle. Im schlechteren, sitze ich ewig fragend davor. J




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  • 8 Monaten ago

    Respekt für diese unglaublich schönen Worte, welche nicht die Wahrheit verdecken und einfach jeden ansprechen und bewegen. Wir müssen den negativen Aspekten in die Augen schauen und unsere Zeit schätzen indem wir das machen, was uns glücklich macht. Ganz liebe Grüße, Kirsten




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  • 8 Monaten ago

    du brauchst dringend einen shop, in dem du deine #isitreal fotos auf papier druckst und verkaufst. geh das bitte dieses jahr an und erstelle poster!




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  • 8 Monaten ago

    Es ist schon ironisch: Während du über Ängste des Scheiterns, nicht weiter Wissens und der Ideenlosigkeit schreibst ist einer deiner, wie ich finde, schönsten Texte entstanden.




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  • 6 Monaten ago

    Schön geschrieben. Solche Gedanken gehen mir auch manchmal durch den Kopf und trotzdem, obwohl alles gesagt, geschrieben, komponiert oder fotografiert worden zu schein seint, gibt es doch immer wieder einen Lichtblick – etwas Neues. Bei Musik wird mir das bewußt .. Es gibt nur so und so viele Noten, aber seit Jahrhunderten schaffen es Menschen tolle Stücke zu komponieren, obwohl man meinen sollte, dass irgendwann mal alle nur denkbaren Notenkombinationen genutzt wurden, oder?




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