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über die Dinge, die wir Liebe nennen

Meine Freundinnen gehen auf Dates und ich höre gespannt zu. Die benutzen Apps, in denen man Fotos von potentiellen Partnern nach links und rechts wischt, als würde man eine neue Jeans suchen und ich finde das aufregend. „Lass mich auch mal“ sage ich und schnappe mir das Handy, bevor sie protestieren kann. Ich wische die Männer großzügig nach rechts und meine Freundin, der das Profil gehört, ist davon nicht so begeistert, wie ich. Aber jedes Match, das angezeigt wird, fühlt sich an, wie ein Levelsieg. Ein lustiges Spiel, diese Dating-App. Diese Sachen wurden erst lange Zeit nachdem ich kein Single mehr war erfunden. Hab ich etwas verpasst?

Ich höre mir gerne Geschichten an, von verrückten Dates und seltsamen Typen. Von unauffälligen Fluchtversuchen während einer missratenen Verabredung oder der aufregenden Verliebtheit der ersten Wochen. Das ist immer irgendwie ein bisschen wie man es aus Serien kennt. Serien und Filme, die uns zeigen, wie wahre Liebe aussieht. Wie einnehmend und aufregend und magisch, ganz so wie ein Disneyfilm und wir saugen diese Attribute auf und suchen genau das. Und genau das ist vielleicht ein Problem.

Wir suchen Leidenschaft, Aufregung und Abenteuer. Die erste Phase der Verliebtheit ist ein Rausch an Glückshormonen. Unser Gehirn wird überschwemmt von Dopamin. Wie bei Suchtabhängigen wird das Glückshormon freigegeben, das Belohnungssystem springt an und wir wollen mehr und fühlen uns nicht mehr länger befriedigt, wenn der der Dopaminspiegel sich langsam wieder einpendelt. Das Ende der ersten Phase ist die, an der so viele scheitern. Aus Angst vor dem danach und all den Konsequenzen. Vor dem neuen Gefühl, das das andere langsam ablöst.

Wir bezwingen einen wilden Ozean mit meterhohen Wellen und einem Sturm, der uns kaum weiter als ein paar Fuß sehen lässt. Und bevor der Sturm sich gänzlich beruhigt und der Grund erkennbar ist, springen wir ab und stürzen uns in die nächste Flut.

Ich glaube, man braucht eine Weile, um zu Verstehen, was Liebe ist. Auch mir ging es so. Liebe – und kein aufgeregtes Vernarrtsein. Sie ist ein warmes Gefühl von Zärtlichkeit und Zuneigung. Einer tiefen Verbundenheit, die sich über einen langen Zeitraum entwickelt.  Wortlose Unterhaltungen, Emotionales Vertrauen und tiefes Verstehen. Das Verlangen, dieses Leben nicht alleine zu bewältigen, sondern Schulter an Schulter, solange es eben geht und das ohne sich dabei selbst zu verlieren. Gemeinsam Erinnerungen zu schaffen und zu teilen und den anderen und sich selbst jedes mal ein bisschen besser zu verstehen. Das sind Dinge, die begreift man in seinem vollen Ausmaß vermutlich erst nach einem ganzen Leben.

Wann immer ich also lustige Datinggeschichten höre oder verrückte On- & Off-Beziehungen in Reality Shows verfolge, höre ich gespannt zu und bin doch froh, dass ich nicht diejenige bin, die diese Erfahrungen macht. Ich sehe Menschen, die sich von Affäre zu Affäre hangeln und nicht in der Lage sind, eine tiefe Verbundenheit zu finden und empfinde Mitleid, weil alles so bedeutungslos ist. Weil da am Ende niemand sein wird, dem wahrlich etwas an ihnen liegen wird. Und ich habe mitbekommen, wie andere sich genau an die Menschen klammern, die ihnen nicht gut tun, weil sie tief in ihrem Inneren denken, dass sie nichts anderes verdient haben. Und dann ist da das ständige Suchen nach etwas, das vielleicht noch ein bisschen besser ist, ein bisschen schöner, ein bisschen aufregender, dass man vor lauter suchen all das verliert, was man längst schon hatte, weil man versucht hat, die eigene Leere zu füllen, die doch kein anderer Mensch füllen kann, als man selbst. Ich möchte mich nicht ständig fragen, ob alles ok ist zwischen meinem Partner und mir. Ich brauche keinen Nervenkitzel, keinen Stress. Ich möchte etwas standhaftes. Ein starkes Schiff, auf dem man gemeinsam durch die Wellen segelt.

9 Comments

  • Lena
    3 Monaten ago

    Schöner Text – teile deine Sicht da vollkommen. Einzige Ausnahme ist, dass ich mit meinem Freund über eine Dating-App zusammenkam – also ohne dieses unverbindliche Hin- und Herwischen gäbe es unsere standhafte Beziehung voller Liebe nicht. Daher weniger Vorurteile gegenüber Menschen, die sich online kennenlernten – was zählt ist doch, was danach kommt..




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  • Fiona
    3 Monaten ago

    Wunderbar ge- und beschrieben!




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  • 3 Monaten ago

    Wirklich schön geschrieben liebe Jana!




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  • 3 Monaten ago

    Wunderschöner, bewegender Text und die Bearbeitung der Bilder passend zum Thema ist wirklich ein Traum!
    xx Kirsten




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  • Maria
    3 Monaten ago

    Liebe Jana
    Ein super Text, du hast so Recht und ich sehe das genau so wie du. Liebe Grüsse und mach weiter so!




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  • 2 Monaten ago

    Liebe Jana

    ein interessantes Thema das du da ansprichst. Und bestimmt hat Online-Dating so seine Schattenseiten und auch oft eine vorbestimmte Kurzweiligkeit. Gleichzeitig komme ich nicht drumherum eine etwas antiquierte Spießigkeit bei dir mitschwingen zu hören. Es ist natürlich prädestinierend, erstmal den eigenen Weg als die letzendlich einzig wahre Sichtweise anzuerkennen. Doch gerade in einer Stadt wie Berlin, in der auch du lebst, haben viele diese mainstream Perspektive ausführlich für sich reflektiert und trotzdem oder besser gerade deswegen einen anderen Weg abseits gesellschaftlicher Normen eingeschlagen. Und das auch ohne Bindungsunfähig zu sein. Nur so als kleine Anregung. Ansonsten weiter so, dein Blog ist auf jedenfall eine nette, kurzweilige Unterhaltung am Feierabend.

    Liebe Grüße
    Biene




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  • Tracy
    2 Monaten ago

    Wahnsinnig viele Vorurteile gegen Menschen, die einfach ihre Neigungen ausleben wollen und versuchen, den wirklich besonderen Menschen für sich selbst zu finden und nicht das Landei aus dem Dorf in dem sie aufgewachsen sind, zu heiraten und dann fest zu stellen, dass es einfach mehr im Leben gibt.

    Jana, sorry aber dein Beitrag ist einfach echt arrogant geschrieben.

    Sei doch glücklich, dass du offenbar eine gute Beziehung führst aber lass uns andere Menschen unser Leben genießen, ohne uns zu verurteilen.

    Kisses




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    • Jana
      2 Monaten ago

      Hi Biene, oder Tracy,

      da du gleich zwei mal kommentiert hast, scheint dich der Beitrag doch ganz schön zu treffen. Das wollte ich nicht, das war auch gar nicht meine Absicht. Es handelt sich bei meinen Beiträgen immer um eine Meinung, die sicher nicht allgemeingültig ist und auch geht es hier nicht darum, dass ich etwas schlechtes darin sehe, sich online kennen zu lernen. Im Gegenteil – auch ich habe meinen Freund online kennen gelernt. Es geht hier um mein persönliches Empfinden, dass wir in einer Welt leben, die immer schnelllebiger und individueller wird, dass es uns zunehmend schwer fällt uns wirklich auf jemanden einzulassen und auch zufrieden zu sein. Aber weil wir alle eben keine Roboter sind, sondern ganz verschiedene Persönlichkeiten, spreche ich es dir nicht ab, wenn du sagst du liebst es, dein Leben auf eine andere Weise zu führen. Das zu wissen, ist mehr wert als Gold. Letztendlich geht es nur darum, am Ende zufrieden zu sein mit seinen Entscheidungen und wenn du deinen Weg gefunden hast, soll dich kein Blogpost der Welt davon abbringen.




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  • 2 Monaten ago

    Haha „auch ich habe meinen Freund online kennengelernt“. Klingt ein bisschen wie mein schwuler/schwarzer Freund“. ;-). #manwirdjawohlnochsagendürfen




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