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Der schöne Blick über dem Abgrund

„Ich weiß nicht ob ich ein Burn-Out habe, Jana“

, meinte letztens eine Freundin zu mir. Selbstständig, so wie ich. Ich habe mich schon häufiger gefragt, wieso meine Kollegen und manchmal ich selbst gestresster wirken als ein Großteil meiner angestellten Freunde und ich glaube ich kann’s nachvollziehen: Es geht nicht einmal um das Arbeitspensum und erst recht nicht um die Art unserer Arbeit. Durch unsere freiberufliche Tätigkeit haben wir (zumindest in unserem Fall) das große Glück, etwas zu tun, was uns Spaß macht und weiterhin unserer eigener Herr zu sein. Aber da sitzt etwas im Nacken, das permanent an uns zerrt.

„Wie lange kannst du das noch tun? Was tust du, wenn du plötzlich krank wirst? We viele Steuern musst du nachzahlen? Kannst du irgendetwas anfangen mit den Zahlen auf deinem Konto? Wie viel davon gehört überhaupt dir? Was machst du bei der nächsten Rezession? Hat dich die Konkurrenz überholt? Entwickelst du dich noch weiter? Wie viele Ideen kannst du noch haben? Hast du ausreichend vorgesorgt? Was passiert, wenn es auf einmal keine Aufträge mehr gibt? Was ist, wenn du mit den neuen Technologien nicht mehr mithalten kannst?“

Dieser Stress ist jener, den man im vollen Ausmaß wohl nur dann nachvollziehen kann, wenn man selbst einmal Selbstständig war. Manchmal lässt er dich Nachts wach im Bett liegen und manchmal lähmt er dich und dann wiederum gibt er dir den Antrieb für den Tag. Es ist shizophren, denn er macht irgendwie süchtig. Auch meine Freundin erzählt von ihren Versuchen, in einem Angestelltenverhältnis glücklich zu werden, aber dann wirkt alles plötzlich so dumpf und flach. Der Stress fehlt dann.

Ich kann das irgendwie verstehen. Es ist wie eine Droge und irgendwann auch wie ein Spiel. Geld, das sind nur noch unregelmäßige Zahlen, die sich vergrößern und verkleinern und dich zwischen Euphorie und Panik hin- und herpendeln lassen. Eine Selbstständigkeit macht irgendwie so viel mit dir, macht dir die Ungewissheit, die uns im Grunde alle betrifft, noch deutlicher.

Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man sich gegen ein festes Gehalt, Urlaubstage und ein Netz aus Sicherheit entscheidet und ob das den Preis wert ist, weiß ich selbst nie ganz genau und würde ich vermutlich jeden Tag anders beantworten. Eine andere Freundin ist beides: Zur Hälfte Angestellt und zur Hälfte Selbstständig und wirkt damit so gefestigt. Vielleicht ist das die schönste Lösung, die man finden kann.

Wie sieht es bei euch aus? Wärt ihr lieber Angestellt oder Selbstständig?

3 Comments

  • Bianca
    4 Monaten ago

    Hm, ich glaube, die gefühlte Sicherheit in einem Angestelltenverhältnis, die gibt es so heute auch nicht mehr.

    Ich zum Beispiel habe inzwischen 10 Jahre lang in unterschiedlichen Angestelltenverhältnissen gearbeitet und obwohl ich als ITlerin sicherlich zu denen zähle, die sich die Jobs zur Zeit mehr oder weniger „aussuchen“ dürfen, hab ich nicht das Gefühl, dass das zu mehr Sicherheit führt.

    Angestelltenverhältnis hin oder her, ich gehe mit meinem Arbeitgeber definitiv keine Beziehung auf Lebenszeit ein. Wer weiß, ob es die Firma, für die ich heute arbeite, morgen überhaupt noch gibt (ich hab schon zwei Akquisitionen mit großen Kündigungswellen mitgemacht und weiß, wie schnell sich die scheinbar sichere Welt verändern kann – und wie wenig Mitbestimmungsrecht man da eben auch hat). Heißt im Endeffekt: Als Angestellte mit hohem Anspruch an mich selbst und in einem schnelllebigen Umfeld muss ich mich ebenfalls ständig weiterentwickeln und verändern, um dauerhaft attraktiv auf dem Arbeitsmarkt zu bleiben.

    Und wenn ich mal über meinen IT-Tellerrand hinaus schaue und gucke, wie prekär so manches Angestelltenverhältnis meiner Freunde ist (Literaturwissenschaftler, Erzieher, Sozialarbeiter etc.), dann kann man nun wirklich nicht mehr sagen, dass man es als Angestellte irgendwie „besser“ hat. Die machen tolle Jobs, wissen aber definitiv, dass die Kohle niemals reichen wird, wenn sie sich nicht komplett neu orientieren. Und wo Du Dich fragst, ob Deine Kreativität ewig sprudeln wird, fragen Handwerker sich vielleicht, ob die Knochen und Muskeln die körperliche Arbeit ewig mitmachen werden. Was danach kommt wissen die wenigsten.

    Ich glaub, es ist ziemlich egal, ob man fest angestellt ist oder selbständig. Beides hat Vor- und Nachteile. Zukunft macht immer Angst.
    Die Tatsache, dass Du Dir Sorgen machst, ist doch was Gutes: Du bist vernünftig und weißt, was Dir wichtig ist. Das ist Dein großer Vorteil und sicherlich auch der Hauptgrund, warum Du nicht untergehen wirst. Du bist es bereits gewöhnt, flexibel zu sein.




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  • Indie
    4 Monaten ago

    Ich bin Angestellte im Öffentlichen Dienst und habe das für eine sichere Bank gehalten. Nun bin ich aber schon seit einem dreiviertel Jahr krankgeschrieben und mein Arbeitgeber überlegt gerade laut, wie er mich loswerden kann, um meine Stelle neu besetzen zu können. Stichwort „Dienstfähigkeitsüberprüfung“. Da ich aber eine chronische Erkrankung habe und kein gebrochenes Bein, sieht das gerade recht schlecht für mich aus.
    Vor anderthalb Jahren hatte ich nicht mal damit gerechnet überhaupt jemals so krank werden zu können.
    Was ich damit sagen will, das Leben lässt sich nie planen und Sicherheiten gibt es nur sehr wenig. Erst recht nicht im beruflichen Umfeld.
    Von daher ist es vielleicht klüger zu machen worauf man lust hat, anstatt die Kreativität gegen Sicherheit einzutauschen, die es nicht gibt.




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