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was ich nicht will

„Ist das nicht einfach furchtbar?“ fragt meine Freundin. Wir sitzen auf der Couch und unterhalten uns, nebenbei läuft der Fernseher, den wir ab und zu einem Auge folgen. Auf dem Bildschirm ist ein Youtubestar zu sehen, umringt von jungen, kreischenden Teenies im geschätzten Altersschnitt von ungefähr 13 Jahren. Ja, das ist furchtbar, ich stimme meiner Freundin zu.

Hin und wieder treffe ich mich mit Journalisten oder Bachelorstudenten, weil sie mich fragen, ob ich Ihnen bei einem Artikel oder ihrer Abschlussarbeit helfen kann. Und neben den üblichen Fragen wie ‚wieso hast du einen Blog gestartet‘, oder ‚kannst du davon leben‘ kommt zwangsweise immer die Frage ‚Wo willst du damit hin?‘. Ich weiß dann nie genau, was ich darauf antworten soll. Ich glaube, ich weiß gar nicht unbedingt, wo ich hin will. Ich weiß nur, wo ich nicht hin will. Berühmt werden zum Beispiel, das möchte ich nicht. Von kreischenden Teenagern belagert werden, während ich einkaufen gehe ist für mich kein „Goal“. Ich möchte nicht in seltsamen Formaten von Privatsendern zu sehen sein oder den neuesten Klatsch über mich in einer Zeitschrift lesen oder lesen, wie fremde Leute in irgendwelchen Foren über meine Beziehungen philosophieren.
Ehrgeiz kann etwas sehr wichtiges und positives sein. Ziele erreichen ist wichtig, Weiterentwicklung ist wichtig. Ich entwickle mich allerdings nur dann positiv, wenn ich mir auch die richtigen Ziele setze. Meinen Erfolg an der allgemeinen Auffassung der Gesellschaft zu messen, hilft mir recht wenig, wenn ich am Ende völlig unglücklich bin, weil ich mir unter meinem persönlichen Erfolg etwas ganz anderes vorstelle.
Und weil ich eben Blogger bin und ich mich im Internet zeige und meine Meinung äußere, muss ich mir früher oder später immer super exklusive Tipps und Ratschläge anhören, wie ich zu großem Ruhm erlange. Und dass ich diese Drehanfrage von RTL oder Sat1 unbedingt annehmen sollte, denn dann käme ich nochmal an ein ganz anderes Publikum. Ja, das stimmt. An die, die diese Sendungen schauen. Aber will ich das denn überhaupt? Irgendwo hat mein Narzissmus doch seine Grenzen. Ich freue mich, wenn mich jemand anspricht, der mich kennt und wir ein nettes Gespräch führen und ich finde es nicht weiter schlimm, wenn Leute auf Partys wissen, was ich beruflich so tue, aber trotzdem möchte ich nicht, dass mein innerstes nach außen gekehrt wird und man denkt, alles über mich zu wissen. Und ich möchte nicht die ‚falschen‘ Leser haben.
Eine Person, die ich schon lange kannte, fing irgendwann an, sich immer höhere Ziele zu setzen. Ein bisschen reichte nicht, es ging um alles. Die Beste zu sein, die Größte, die Bekannteste und ich hatte das Gefühl, in diesem Wetteifer um Berühmtheit hat sie immer mehr sich selbst verloren, bis das wahre Ich unter all der Verbissenheit kaum noch zu erkennen war. Die privaten Momente wurden immer kleiner und unbedeutender und mit ihnen all die Menschen, die sie auffangen sollten, wenn sie fällt. Stattdessen konnte ich beobachten, wie sich der Eifer in Verkrampftheit verwandelte und sie statt Selbstwertgefühl und einer positiven Ausstrahlung eine Aura der Verzweiflung umgab. Diese Person hat sich in ihrem Streben nach Ruhm und Erfolg so verloren, dass sie am Ende ganz allein da stand, Freunde und Privates waren der Backup-Plan und alles was sie am Ende hatte, war die Erkenntnis, irgendwo in der Mitte zu stehen.

Und obwohl diese Person sich selbst dazu entschlossen hatte, tat mir das wahnsinnig leid. Weil auch genauso in einem Mikrokosmos lebe, den ich für den Nabel der Welt halte. Weil ich es einfach nicht für möglich halten konnte, dass es Menschen gibt, die es völlig in Ordnung finden, keine richtigen Freunde zu haben. Für die es gar nicht weiter schlimm ist, ganz allein dazustehen oder sich mit Gelegenheitsmenschen zu umgeben. Für die einen ist Erfolg schön, wenn sie ihn teilen können, andere möchten ihn lieber für sich allein haben. Das war eine schmerzhafte, aber gute Erkenntnis. Schmerzhaft, weil ich selbst sehr an meinen Freunden hänge und schwer loslassen kann und gut, weil ich erkannt habe, dass es da draußen Menschen gibt, die das Glück des Lebens tatsächlich in völlig anderen Dingen finden. Und dass es nicht an mir liegt, wenn sie am Ende unglücklich sind, weil es ganz egal gewesen wäre, was ich gesagt hätte. Und dass mir diese Erlebnisse vielleicht nicht immer zeigen, was ich will, aber dafür ganz genau, was ich nicht will.

11 Comments

  • Sylvia
    8 Monaten ago

    Sehr gute Einstellung find ich! Gerade die Sendungen in den Privatsendern sind einfach nur unterste Schublade. Ehrlich gesagt schaue ich kaum noch Fern, wenn dann Amazon Prime einen Film oder ich sehe mir ausgewählte Sachen im Internet an. Auf das ganze Trash-TV hab ich kaum noch Lust.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at – Fotoblog




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  • 8 Monaten ago

    Ich mag die Themen über die du schreibst und vor allem wie du schreibst. Danke dafür.
    Liebe Grüße Anne




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  • 8 Monaten ago

    Zu wissen, was man nicht will ist in Zeiten, in denen man jeden Tag scheinbar neue Möglichkeiten und Inhalte um den Kopf geknallt bekommt ultra wichtig. Viele verlieren sich in dem Tohuwabuhu aus „Du kannst alles werden, wenn du nur willst“ und der greifbareren Karriere durchs Internet. Dass man da aber genauso bestimmten regeln und Zwängen unterworfen ist, merken viele erst zu spät und hecheln dem dann nach. Ich hab sowas ähnliches mit 27 durch gehabt und endlich verstanden, das es okay ist sich von manchen Ideen zu verabschieden und man sich damit selbst schützt: http://www.einfach-machen.blog/ich-will-das-nicht/




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  • 8 Monaten ago

    Es ist gut, wenn man noch abwägen kann, was man will und was nicht und was die Entscheidung, die man am Ende trifft für Konsequenzen hat. Man ist eben auch nur dann glücklich, wenn man es ist und nicht weil man „berühmt“ wäre.

    Liebst Daniela
    Von http://cocoquestion.de




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  • 8 Monaten ago

    Ein wirklich super toller und sehr guter Beitrag. Und ich muss dir da einfach recht geben.
    Wünsche Dir einen tollen Tag.
    Liebe Grüße Lisa
    http://www.hellobeautifulstysle.blogspot.de




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  • 8 Monaten ago

    Das hat richtig gut getan, diesen Post zu lesen. Ich mag die Art wie du schreibst, du Dinge verpackst und sie weitergibst.
    Mir wurde neulich ein Artikel auf einen Blog angezeigt, der darüber verfasst wurde, wie mal möglichst viele Leser bekommt und bekannt wird. Ich habe mir den durchgelesen und es waren alles Sachen, wo ich für mich gesagt hab, dass ich das gar nicht machen will. Wenn ich das befolgt hätte, wäre mir das Gefühl gekommen, dass ich mich anderen aufzwinge, ihnen das, was ich mache ins Gesicht schreie.
    Berühmt sein ist nicht alles und ich fand es wirklich schön, das von dir zu lesen
    Alles Gute und liebe Grüße 7
    Henriette




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  • Julia
    8 Monaten ago

    Schön geschrieben. Andere Frage: Wo hast du den schönen Mantel her?

    Grüße!
    Julia




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    • Jana
      8 Monaten ago

      der ist von guess




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  • Melanie
    8 Monaten ago

    Irgendwo glaube ich deinen Satz: ‚Und ich möchte nicht die ‚falschen‘ Leser haben.‘, ja schon ein wenig nachvollziehen zu können; aber ist es nicht auch schön, sicher auch herausfordernd, die ‚falsche‘ Gruppe von Leuten an deine Gedankengänge, Ansichten, deinen Geschmack heranzuführen, vielleicht sogar in gewissen Dingen meinungsändernd wirken zu können…
    Ich würde das nochmals ein kleines bisschen überdenken

    Melanie




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    • Jana
      8 Monaten ago

      Absolut. Ich krieg hier ja auch oft mal Gegenwind, gerade zu Meinungsposts und ich finde das auch oft sehr interessant. Es gibt aber, so auch meine Meinung, einen gewissen Schlag Menschen, mit denen ich einfach nicht diskutieren möchte, weil es einfach nicht möglich ist. Verrückte Verschwörungstheoretiker, AFD Sympathisanten… Diese Meinungen interessieren mich einfach nicht, will ich auch gar nicht hören und ich will dafür auch keine Plattform bieten.




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  • Melanie
    8 Monaten ago

    Nein, ich muss sagen, ich verstehe dich vollkommen…
    Vor allem:
    Mit deiner Aussage: ‚Meinungen von AFD Sympathisanten INTERESSIEREN MICH NICHT.‘, sympathisiere dafür ich
    Tja, da sprichst du mir dann doch aus der Seele

    Liebst, Melanie




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