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Wenn der Tod uns aufweckt

Im Herbst denke ich viel über den Tod nach. Während draußen alles dunkler wird und die Blätter von den Ästen fallen, die Insekten ihre letzten Runden drehen und der kalte Wind und der Regen die Menschen nach Hause lockt, schaue ich manchmal Dokus über Leute, die schwer krank sind und über Leute, die bald sterben werden. Ich höre ihnen zu, wenn sie über die Dinge reden, die sie bereuen und über die Dinge, die ihnen in diesem Leben Freude bereitet haben. Meistens ähneln sich diese Erzählungen so sehr.

Oft sagen die, die wissen, dass sie wahrscheinlich bald sterben werden, dass sie aufgewacht sind. Viel zu oft glauben wir wohl, dass wir ewig leben und schaffen es erfolgreich, den Tod aus unserem Leben auszublenden. Die Dinge haben noch Zeit, solange, bis plötzlich doch keine Zeit mehr bleibt und dann ist es zu spät für all die Ziele die wir uns gesteckt haben und die Dinge, die wir noch erleben wollten.

Die Dinge, die wir wollen und brauchen, verschieben sich mit den gesellschaftlichen Konventionen, in denen wir gerade leben, weil wir uns daran orientieren, was unser Umfeld uns vorlebt und in einer Zeit, in der der Konsum gerade seine Hochkonjunktur erlebt, ist es manchmal schwer, seine eigene Stimme zu hören. Was will eigentlich ich und was denke ich zu wollen, weil mein Umfeld es mir vorlebt? Darüber habe ich viel nachgedacht in den letzten Jahren. 

Auf welche Ereignisse freue ich mich besonders, welche schönen Erinnerungen habe ich und wo fühle ich mich besonders wohl? Weil es der Traum von so vielen ist und von den Medien oft so gefeiert, hatte ich zu oft das Gefühl, ich sollte auf diese besondere Party, Preisverleihung, Gala gehen. Und dann stelle ich mir mich am Sterbebett vor, wie ich sage „ich wünschte, ich hätte mehr Galas besucht“ und mir wird klar, dass das für viele nur ein bezahlter Job ist oder eine Möglichkeit, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Die wenigsten sind gerne auf solchen Veranstaltungen, wieso sollte ich hingehen, wenn meine Existenz nicht davon abhängt?

Stattdessen könnte ich einen schönen Ausflug machen, Freunde treffen oder ein spannendes Buch lesen, denn all diese ‚ich wünschte’s‘ kann ich mir gut vorstellen. Ich finde, der Tod kann uns erden. Er verbindet uns Lebewesen und egal wie berühmt, reich oder erfolgreich wir sind – er geht uns alle an. Auch 10 Sportwagen und ein Schloss schützen uns nicht davor und das macht Besitz auf eine Weise so banal.

Bronnie Ware ist Sterbebegleiterin und hat die 5 Dinge, die Menschen am Sterbebett am meisten bereuen in einem Buch veröffentlicht. Einer davon ist „Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet“. Irgendwann sind wir vielleicht in einem so großen Ungleichgewicht, dass wir all die Güter, die wir uns durch unsere viele Arbeit leisten können, nicht mehr genießen können, weil wir einfach nicht mehr die Zeit dazu haben. Wo das „ich brauche mehr Geld, damit ich mir mehr Dinge leisten kann“ zu einem krankhaften Teufelskreis führt, der nicht glücklicher macht, sondern lediglich abhängiger. ich höre bei Instagram, wie jemand sagt „ich konnte nächtelang nicht schlafen, weil ich an dieses eine Kleid gedacht habe“, denke ich mir, das ist keine Sache mehr, über die dich freust, sondern eine, die dein Leben bestimmt.

„Wenn ich einen guten Job reinbekommen würde, würde ich jetzt nach Hause fliegen“ sagte eine damalige Freundin mal zu mir, während wir unseren Roadtrip durch all die Städte und Landschaften gestartet haben und auf den ich mich so sehr gefreut habe und ich habe mich so lange gefragt, wieso das so ist. Wir driften so schnell ab und verfangen uns in falschen Zielen und Wünschen, die so wenig mit uns zutun haben, dass sie uns keinen Funken glücklicher machen, wenn wir sie endlich erreicht haben. Wir sagen vielleicht einen Geburtstag von einer Freundin ab, weil wir die Möglichkeit haben, auf ein exklusives Event mit einem besonderen Star zu gehen oder die Möglichkeit haben, noch mehr Geld zu verdienen, nur um am Sterbebett endlich zu erkennen, dass wir einen Götzen angebetet haben und nur für einen Funken von potentiellem Ruhm und Wichtigkeit einen echten Moment verpasst haben. „Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten“ ist ein weiterer Satz von den Dingen, die Bronnie Ware aufschrieb. Andere studieren Jura, um die Eltern glücklich zu machen, obwohl die eigenen Interessen und Wünsche ganz woanders liegen und so schleppt man sich durch ein Leben, das andere vordesigned haben und versucht sich bis zum Ende selbst irgendwo darin zu finden. „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“ ist ein weiterer Punkt auf der Liste von Bronnie Ware.

Wenn wir durch dieses endliche Leben schlafwandeln und uns von fremden Träumen und Zielen leiten lassen, haben wir unsere kurze Zeit vergeudet. Manche sind vor lauter Schneller, Besser, Teurer blind geworden für das, was sich die ganze Zeit vor ihrer Nase befindet und verschlafen das Leben, während es an ihnen vorbei rauscht, obwohl es schon bald vorbei sein könnte. Willst du das? Es gibt Leute, die sagen, sie bereuen rein gar nichts. Ist das nicht unglaublich?

5 Comments

  • Kaehte
    4 Wochen ago

    Das ist ein wahnsinnig toller, ergreifender und nachdenklichmachender Text! Danke, für diese Auszeit, die man sich während des Lesens – und vor allem danach, zum Drübernachdenken nimmt.




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    • Jana
      4 Wochen ago

      oooh, das freut mich sehr. danke dir für das liebe feedback!




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  • 3 Wochen ago

    Liebe Jana,
    Dieses Video habe ich mir schon einige Male angesehen und es ist einfach die Wahrheit.
    Ein schöner Blogbeitrag, danke dafür.
    Ich hoffe, dass du in der kalten, dunkelen Zeit den ein oder anderen Sonnenstrahl einfangen kannst.
    Ganz liebe Grüße, Marie von HoseOnline.de




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  • Hasi
    3 Wochen ago

    Liebe Jana, Dein Blog mit seinen nachdenklichen, geerdeten und reflektierten Texten ist einfach ein Wohltat. Und Du triffst genau das, was mir auch so durch den Kopf geht. Ja, warum werden uns denn diese Erdenjahre gegeben? Damit wir ein harmonischer Teil des Ganzen sein dürfen, damit wir uns seelisch entwickeln, damit wir leben, lieben, lernen, lachen – und uns dankbar an dem erfreuen, was uns umgibt. Wenn es ein Leben nach dem Tode gibt, dann kann ich nur mitnehmen, was in mir ist – und nicht die prall gefüllten Kästen und Konten – genauso wenig wie meine Karriere oder meinen Status. In diesem Sinn wünsche ich Dir ein tolles Wochenenden mit vielen schönen – auch wortwörtlichen – Erlebnissen
    Liebe Grüße
    Hasi




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  • Paula
    3 Wochen ago

    Zu diesem Thema empfehle ich „Dienstags bei Morrie“, ein Buch von Mitch Albom.
    Nach einer wahren Begebenheit – ein Student begleitet seinen sterbenden Professor auf seinem letzten Weg und lernt eine Menge über die Lektionen des Lebens.
    Frei nach dem Motto „Wenn du lernst, wie man stirbt, dann lernst du, wie man lebt“.

    lg




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