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(don’t) get ready with me

Ich schaue in letzter Zeit häufiger mal Videos auf Youtube. Da gibt es unter anderem wahnsinnig spannende Dokus über jedes noch so kleine Thema. Die perfekte Beschallung beim Aufräumen, Bilder bearbeiten oder Putzen. Und dann werden einem auf der Startseite natürlich die verrücktesten Videos vorgeschlagen. Was ich in letzter Zeit immer häufiger entdecke sind „get productive with me“ oder „Morning Routine“ – Videos.

Mir waren diese „Morning Routine“ Videos schon lange Zeit ein Rätsel: Da filmen sich junge Leute, wie sie aus dem Bett aufstehen, sich die Zähne putzen, sich verträumt ihr Frühstück klein schnibbeln und ein paar Produktplatzierungen in die Kamera halten. Diese Productive-Videos sind im Grunde genauso aufgebaut wie diese fertig-mach-Videos, nur dass sie „einen ganzen Tag“ darstellen sollen. Im Grunde handelt es sich bei jedem Video jeder Person um ungefähr den gleichen Ablauf: Aufstehen, sich mit gut sichtbaren Pflegeprodukten (Product Placement) eincremen, irgendwas supergesundes oder Pulver (Product Placement) frühstücken, meditieren, To-Do Listen schreiben, auf dem PC rum tippen, überteuerten Tee trinken (Product Placement),manchmal ist noch Zeit für Yoga und Abends wird noch ein fancy Buch gelesen.

Jetzt gibt es ja viele verrückte Videos auf Youtube – nennt mir einen verrückten Gedanken und ich finde mit großer Sicherheit das passende Video dazu. Aber diese Productive/Get Ready Videos verschwinden nicht einfach in den Weiten des Internets – die sind unglaublich beliebt. Mehrere Hunderttausend und nicht selten Millionen Klicks haben diese Videos und ich habe jetzt schon viel zu oft darüber nachgedacht, wieso das so ist.

Meine erste Theorie ist, dass diese Videos für viele junge Menschen ein Weg sind, den ganzen Tag selbst recht wenig zu tun, aber durch das Anschauen dieser Videos trotzdem das Gefühl bekommen, sie hätten beinahe selbst etwas Produktives geschafft. Das ist der Vorteil unseres Zeitalters: Um etwas zu erleben, müssen wir gar nicht mehr rausgehen – es reicht, wenn man ein Smartphone besitzt. Oder aber, sie versuchen sich durch das Anschauen dazu zu motivieren, selbst produktiv zu werden. Und irgendwann dachte ich an diesen Artikel. Der ist eigentlich nur ein Beispiel von vielen, diese Artikel werden in den verschiedensten Zeitungen quasi im Wochentakt veröffentlicht.

Der Mensch schafft sich nach Meinung vieler Experten selbst ab. Automatisch fahrende U-Bahnen Autos und Drohnen, Computerprogramme, die Algorithmen selbst erkennen oder Maschinen, die die kompliziertesten Gegenstände selbst herstellen – es gibt sogar schon Programme, die kreative Bilder erstellen können. In Zukunft steht vielleicht in jedem Haushalt nicht nur ein Staubsauger- und Rasenmäherroboter, sondern auch ein richtiger Haushaltsroboter, der den Abwasch macht und die Betten wechselt. Die Prognose ist jedenfalls: Jobs werden in Zukunft rar und wohl eher eine Art Privileg als eine Selbstverständlichkeit.

Was macht der Mensch, wenn er keine Aufgabe mehr hat? Ich glaube, wir sind sehr produktive Wesen und um wirklich zufrieden und gesund zu bleiben, brauchen viele von uns das Gefühl, dass wir irgendetwas beitragen und geschafft haben. Denn wie schön ist es, am Ende das Tages zu wissen, dass wir unsere Aufgaben alle erledigt haben und mit gutem Gewissen ins Bett fallen können? Ich denke, Geld ist nur einer von vielen Gründen, weshalb wir gerne produktiv sind, ansonsten würden Multimillionäre nicht immer weiter arbeiten und sich niemand ehrenamtlich betätigen. Diese Videos sind wohl ein guter Weg, zu erfahren, wie man mit sehr wenig Aufgaben doch einen ganzen Tag füllen kann: Dann schreibt man To-Do Listen, meditiert oder bereitet sich eine halbe Stunde lang auf den Weg zum Supermarkt vor und zack – ist der Tag vorbei. Ich glaube, das könnte die Zukunft eines Teils unserer Generation werden, oder vielleicht erst die Zukunft unserer nächsten Generation sein: Eine Art Beschäftigungsmaßnahme.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist für viele Experten keine Utopie mehr. Wenn wirklich 47% der Jobs durch die Digitalisierung wegfallen, braucht der Markt einen großen Teil von uns in Zukunft vielleicht nur noch als Konsumenten. Und was machen wir dann mit all unserer Zeit?

6 Comments

  • Isabella
    3 Monaten ago

    Liebe Jana!

    Ich schließe mich deiner Meinung an. Zum Glück schaue ich solche „Get Productive“-Videos recht selten, weil ich mir ohnehin keinen großen Nutzen davon erwarte und nur aus Langeweile manchmal lese. Tatsächlich finde ich, dass unsere heutige „Leistungsgesellschaft“ wenig Zeit mit tatsächlicher, eigenhändiger „Leistungserstellung“ verbringt. Die meiste Zeit sucht man sich entweder Unterhaltung oder stellt Vorüberlegungen an, wie die Leistung am besten zu erstellen sei.

    Danke für den Beitrag,
    Isa




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  • 3 Monaten ago

    Ich stehe SOOOO kurz davor mir ein „Get Productive“-Video anzugucken, aber ich glaube das war nicht die Idee hinter deinem Beitrag und ich will nicht in diesen Sumpf mit eingesogen werden Aber insgesamt ist dieses Multitasking schon ein großes Problem bei Produktivität, trotzdem will ich, wenn ich am Laptop sitze, nicht auf Serien verzichten müssen

    Liebst, Seyma von Come as Carrot




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  • Marit
    3 Monaten ago

    Ich finde es vor allem wahnsinnig zu beobachten, was diese Mädels als selbstverständlich hinstellen und bla bla bla jeder kann das genauso machen, man muss es nur wollen. Nee sorry. Wenn ich jeden Tag mindestens 9 Std im Büro bin, dann bin ich froh wenn ich mit meiner Wäsche hinterherkomme, jeden Tag was im Kühlschrank ist und ich ab und an noch meine Freunde treffen kann. Jeden Abend lesen,JA. Aber jeden Morgen fancy frühstück (im Sinne von instagramtauglich zurecht gemacht) und ne halbe Stunde andächtig im kurzen Pyjama Höschen in den Garten blicken, Kaffe trinken und „grateful“ sein, geht nicht. und mein Butterbrot was ich abends fertig mache und dann mitnehme, schwimmt ästhetisch gesehen auf einer ganz anderen Welle. Und was die als Produktivitätsvideos verkaufen, nennt jeder Ottonormalverbraucher Arbeitsorganisation. Hört sich natürlich nicht so schick an.

    Ich lese deinen Blog bestimmt schon seit 6-7 Jahren (??). Und er wird immer besser

    Liebste Grüße




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  • Janina
    3 Monaten ago

    Hey, ich würde so gerne wissen woher du diese Bettwäsche hast!!? Das wäre super lieb von dir




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    • Jana
      3 Monaten ago

      die ist von H&M, aber sicher schon 5 Jahre alt




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  • Linda
    3 Monaten ago

    Ich bin da tatsächlich gänzlich anderer Meinung. Die erste Tätigkeiten, die ersetzt werden sollen und somit für den Menschen wegfallen, sind sehr monotone Aufgaben. Die sind immerhin am einfachsten automatisierbar. Das bedeutet, dass diejenigen, die vorher z.B. Fließbandarbeit für VW gemacht haben, jetzt die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden. Mit Themen und Ideen auseinanderzusetzen, neue Fähig- und Fertigkeiten zu erlernen und somit eigene Ideen zu entwickeln und zu implementieren. Wenn diese Menschen in ihren Interessen gefördert werden, wird damit idealerweise eine Gesellschaft geschaffen, in der sie eine Stimme haben und nicht nur teilhaben, sondern auch gestalten können. Wir haben wieder Zeit, zu reflektieren und uns nicht nur oberflächlich mit einander und aktuellen Entwicklungen auseinanderzusetzen.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Wir geben den Menschen die Möglichkeit, ihre Zeit selbstbestimmt einzusetzen – ihren Interessen gemäß. Mit der daraus intrinsischen Motivation können diese bestehende Ideen für die Gesellschaft optimieren mit ihrer Perspektive und Expertise oder neue Ideen entwickeln. Schlussendlich steigt nämlich die Größe und Diversität des gesellschaftlichen Erfahrungs-, Wissens- und Wissensrepertoires und davon profitieren wir alle gemeinsam.




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