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10 Dinge, die du als Dorfkind früh lernst

Kinder scheinen unzerstörbar

Helikopter-Eltern sucht man auf dem Dorf meist vergeblich. Da werden die Kinder morgens rausgeschickt und kommen irgendwann dreckig und hungrig nach Hause. Narben, Prellungen und Beulen gehören zum normalen Erscheinungsbild eines Dorfkindes, denn wer nicht auf den höchsten Baum geklettert, vor den Bullen auf der Wiese davongerannt ist oder in einen wilden Stockkampf verwickelt war, ist auch kein richtiges Dorfkind. Allergien sind hier selten, dafür haben die meisten von uns so viele Narben aus ihrer Kindheit, dass sie nicht mehr zählbar sind.


Cola Korn

Ja, das war neben Bier das Standardgetränk auf Dorffesten und während ich dem Gesetz nach viel zu jung war, um diese gewöhnungsbedürftige Mischung zu trinken, sollten noch einige Jahre verstreichen, bis ich meinen ersten Cocktail getrunken habe. Die Getränkekarte am Bierstand vorm Dorffest war kürzer als eine westfälische Konversation. Du kannst dich also entscheiden: Fanta-Roten oder Cola-Korn. Dass die Freunde der Eltern gleich neben dir stehen und sich betrinken ist dabei völlig normal und gar nicht uncool, du bist immerhin auf der einzigen Party im Unkreis von 2000 Hektar.


Das Partnerangebot ist beschränkt

Das ist auch der Grund, weshalb Beziehungen ernst genommen werden und nicht wenige seit ihrer Jugend ein Paar sind. Die Scheidungsraten auf dem Land sind niedriger, denn hier wird an Beziehungen gearbeitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch der letzte Junggeselle vergeben ist, ist gar nicht mal so gering und die aus der Stadt? Die ticken anders, das funktioniert doch meistens eh nicht.


Bus fahren will geplant sein

Einfach mal zur Haltestelle laufen und den nächsten Bus nehmen funktioniert hier nicht so gut. Die Abfahrzeiten wollen genau überprüft sein und Pünktlichkeit ist dabei das wichtigste. 10 Minuten vor Abfahrt nervös an der Bushaltestelle stehen und sich fragen, ob der Bus nicht doch schon vorbei gefahren ist, ist das Minimum, denn ansonsten hat man den einzigen Bus am Tag verpasst.


Sterne gibt’s tatsächlich, und davon reichlich

Immer wenn ich Abends durchs Dorf laufe, schaue ich in den Himmel. Eine Sache, die man erst wertschätzt, wenn man sie nicht mehr sieht, denn in der Stadt sind durch die Lichtverschmutzung kaum noch Sterne sichtbar. Und plötzlich erinnert man sich an all die verrückten Abende, die man damals unter freiem Sternenhimmel erlebt hat. Unter so vielen, dass man sie kaum zählen kann.


Kirschen kaufen? Quatsch

Ich habe letztes Jahr zum ersten mal Kirschen gekauft. Ich war nämlich grundsätzlich der Meinung, dass es Quatsch ist, Kirschen zu kaufen, weil die ja sowieso an jedem zweiten Baum wachsen. Das Problem dabei ist, dass man sich zwar auf dem Dorf wunderbar an jeder Ecke irgendeine Frucht pflücken kann, man sie in der Stadt aber tatsächlich meistens nur aus dem Supermarkt bekommt.


Alle wissen über dich bescheid

Mal wieder Scheiße gebaut? Hier kannst du dich nicht hinter der Anonymität einer Großstadt verstecken. Egal ob du irgendwo betrunken im Vorgarten deinen Rausch ausschläfst, weil du es nicht mehr ganz bis nach Hause geschafft hast oder ein zu kurzes Kleid an hattest: Das Dorf weiß bescheid. Das ganze! Ist aber nicht schlimm, denn du weißt auch über die anderen bescheid und die haben mindestens genauso viel Mist gebaut.


Uniform ist Pflicht

Im Dorf gibt es größere Sorgen, als Mode und insbesondere unter Männern hat sich eine bestimmte Uniformität herausgebildet. Ab Mitte Zwanzig / Dreißig ist das kurzärmelige Karierte Hemd (Auch Hektarhemd genannt),  Pflicht. Jüngere Exemplare variieren auch mal mit Trikot der Lieblingsfußballmannschaft, kombiniert mit karierter Shorts und ganz verrückte kommen im karierten Ganzheitslook. Das stärkt zum einen das Gemeinschaftsgefühl, zum anderen muss man sich einfach nie Gedanken über seine Kleidung machen, weil man sowieso nicht auffällt.


Ein Verein ist Minimum

Sportverein, Schützenverein, freiwillige Feuerwehr, Karnevalsverein, Kolping, Kirche, Musikkapelle… Auf dem Dorf bist du am besten in allen der oben genannten Sachen aktiv und wenn du in keinem Verein Mitglied bist, stimmt irgendwas wahrscheinlich nicht mit dir. Hier ist es völlig normal und wird von niemandem hinterfragt, wenn betrunkene Männer in kariertem Hemd und Shorts einmal im Jahr mit Filzhut und Holzgewehr durch’s Dorf spazieren oder stellenweise eher torkeln und anschließend 300 mal auf einen Holzklotz schießen, um einen neuen Schützenkönig auszuerkiesen. Und wenn du schon kein Messdiener warst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du zumindest Tanzmariechen, freiwilliger Helfer bei der Feuerwehr oder Lagerbetreuer warst und mindestens in einem Sportverein sind alle Mitglied. Ich habe, für mein Dorf typisch, bis zum Studienanfang fast täglich geritten.

wenn deine besten Gesprächspartner Tiere sind.

ohne Führerschein bist du verloren

Wenn mir hier in der Stadt jemand erzählt, dass er keinen Führerschein hat, kann ich es zuerst kaum glauben. Im Dorf hat jeder mit spätestens 18 Jahren seinen Führerschein und das ausnahmslos, denn sonst bist du verloren. Die ersten Fahrten zum 20km entfernten MC Donalds sind legendär und das Essen gilt hier als Delikatesse. Plötzlich besucht man den einen Freund, der 10 Kilometer außerhalb des Dorfs mitten im Nichts lebt, auch mal ganz gerne, oder man quetscht sich mit 8 Leuten in die Familienkutsche und fährt zu dieser furchtbaren Großraumdiscothek, die nunmal die einzige Alternative zu den bekannten Dorfzeltfesten ist.


Geld macht dich nicht besser

Auf dem Dorf herrschen andere Hierarchien als Geld. Hier ist der angesehen, der sich engagiert und über das Geschehen bescheid weiß. Ob du ein dickes Auto fährst oder in einer Villa lebst ist dabei zweitrangig. Helfen kann dir dein Geld nur, wenn du beim Fest eine Extrarunde ausgibst. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als wir Kinder mal wieder im Gestrüpp unterwegs waren und eines von uns meiner Freundin erklärte, dass sie reich sei. Meine Freundin ist in Tränen ausgebrochen und war wahnsinnig beleidigt, denn für sie war das alles andere als ein Kompliment. Es bedeutet nur, dass sie irgendwie anders war, als die anderen Kinder. Im Nachhinein ist mir selbst klar, dass die Familie mehr Geld hatte, als die meisten von uns. Als Kinder sind uns diese Statussymbole nie aufgefallen, weil sie einfach egal waren. Geld zählt auf dem Dorf nicht so wie an anderen Orten.

34 Comments

  • 3 Monaten ago

    Das kann ich bestätigen




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  • Maike Störmer
    3 Monaten ago

    Ich fühle mich dir als Dorfkind sehr verbunden. Das mit dem Führerschein hat mich auch maßlos geschockt, als ich erfahren habe, dass manche nicht mal vorhaben einen zu machen🙈




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    • Jana
      3 Monaten ago

      die verirren sich jedenfalls nicht so schnell ins Dorf, weil die gar nicht erst hinkommen




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  • 3 Monaten ago

    ja, ja und JA! das war bei uns in neuenkirchen (bei rheine) genau so. danke für diesen artikel! manchmal trauere ich ja insgeheim den fanta-roten-partys hinterher, das war doch eine ziemlich coole und sorglose zeit, haha.

    liebst,
    sandra

    http://www.thisisforartlovers.de




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    • Jana
      3 Monaten ago

      dann kennst du sicher auch das Index




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  • Cordu
    3 Monaten ago

    Was für ein schöner Artikel!
    Vermisst du das Dorfleben oder fühlst du dich in der Grossstadt wohler?
    Mein Freund wohnt in Münster und kommt gebürtig aus Coesfeld. Ich selbst komme aus einer Stadt, bin aber im Randbezirk mit Wald, Bauernhöfen, etc. aufgewachsen und dachte immer: kenn ich doch, dieses Landleben!
    Bis ich ihn kennenlernte und merkte: äh nee, kenn ich nich 😬 Schützenfeste sind bei uns verpöhnt, am ersten Mai geht man tanzen und nicht mit dem Bollerwagen aufs Feld. Und auf Hochzeiten werden bei uns auch nicht über 200 Leute eingeladen, es wird nicht gerudert und die Jungs hüpfen auch nicht Arm in Arm im Kreis Meine Oma hat auch keinen Alk selbstgebräut und ist mit Kanistern auf Familienfestern eingegangen.
    Aber ich kann mir so von beiden Sachek das beste rauspicken und das mag ich sehr ❤️




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    • Jana
      3 Monaten ago

      Ich glaube, für viele kommt mit der Volljährigkeit oft der Punkt, in dem eine Großstadt interessanter wird als das Dorf. Zumindest jetzt ist es auf jeden Fall genau das richtige für mich, wobei Berlin schon wirklich riesig und laut ist. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann wieder zurück ins Dorf zu ziehen, aber vielleicht in die Nähe von Münster, an ein bisschen ruhigeres Plätzchen
      Und haha, die Punkte kenne ich fast alle, aber das Rudern habe ich auch erst letztens kennen gelernt bei meinem Freund im Dorf geht es noch einen ticken krasser zu




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  • Andi
    3 Monaten ago

    Richtig super! Und auf den Punkt. Vielen Dank für die vielen Lacher und Flashbacks Ich erkenne meine Kindheit und Jugend in nem fränkischen Dorf da sehr gut wieder Nur frag ich mich, was is denn bitte Fanta Roter? Sowas gab’s bei uns nicht. Wir hatten traditionell Vodka O oder Lemon oder Jacky Cola und jede Menge Maß hahaha.




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    • Jana
      3 Monaten ago

      das ist so ein richtig fieser, süßer Kirschlikör. Hast nichts verpasst. Und Apfelkorn tranken wir immer, mir wird schlecht wenn ich nur daran denke




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  • 3 Monaten ago

    Kann ich wirklich alles bestätigen!




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  • 3 Monaten ago

    Einiges davon kommt mir sehr bekannt vor, da ich selbst ein Teil meiner Kindheit auf dem Land verbrachte…<3
    http://www.blogellive.com




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  • Indie
    3 Monaten ago

    Für mich war das Dorfleben als Lehrerkind wirklich der totale Horror. Auf Dorffeste und Großraumdissen hatte ich auch keinen Bock und sobald ich konnte hab ich das Umfeld mit einem Umzugswagen schreiend verlassen. Bis heute habe ich Beklemmungen wenn ich zurückkehre 😅




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    • Jana
      3 Monaten ago

      wenn man sich nicht drauf einlässt, kann es schon echt furchtbar sein. Ich glaube, es liegt auch immer daran, wie die Eltern so integriert und engagiert sind




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      • Indie
        3 Monaten ago

        Ja das stimmt. Meine waren da wirklich auch nicht sehr integriert.




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  • Katharina
    3 Monaten ago

    Ein Spruch aus unserem Dorf: Korn muss, Cola kann. 😂

    Vielen Dank für diesen super Artikel! 👏




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    • Jana
      3 Monaten ago

      hahaha




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  • Rosa
    3 Monaten ago

    Super! Habe mich sehr amüsiert. Tief drinnen bleiben wir immer Dorfkinder…




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  • Ich bin auch ein Dorfkind! Und ich liebe es noch immer! So gerne ich früher immer raus in die Stadt wollte, so sehr genieße ich es jetzt zurück zu sein, ab und zu. Natur, Tiere und vor allem Ruhe

    Ganz toller Beitrag!!

    Liebst,
    Alena
    lookslikeperfect.net




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  • 3 Monaten ago

    Ein toller Post!




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  • Lorena
    3 Monaten ago

    Manche Städte haben auch Dorgcharakter! Finde ich wunderbar und wichtig




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  • Susi
    3 Monaten ago

    „Die Getränkekarte am Bierstand vorm Dorffest war kürzer als eine westfälische Konversation“ – großartiger Satz!




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  • Anna
    3 Monaten ago

    Bei uns gabs (oder gibts ) Apfelwein Cola und Kerb gehört zum Pflichtprogramm.




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  • 3 Monaten ago

    Du hast so Recht. Ich komme auch vom Dorf und weiß genau was du meinst.

    Liebe Grüße und ein traumhaftes Wochenende!
    Celine von http://mrsunicorn.de




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  • 3 Monaten ago

    Oh, das kenne ich alles nur zu gut
    Beim letzten Punkt muss ich dir allerdings widersprechen. Bei mir auf dem Dorf war es schon irgendwie wichtig, dass man Geld hatte. Wo sollten sonst die unzähligen Hollister und Abercrombie Sachen her kommen? Mein „Dorf“ ist allerdings auch immer mehr zum ruhigen, netten Vorörtchen mutiert, vielleicht liegts auch daran…
    Liebe Grüße,
    Leni
    http://www.sinnessuche.de




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  • 3 Monaten ago

    Ein wirklich super toller Beitrag und er hat so einige tolle Erinnerungen wieder herbei gerufen.
    Ich wünsche Dir ein tolles Wochenende.
    Liebe Grüße Lisa
    http://www.hellobeautifulstyle.blogspot.de




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  • Anonymous
    3 Monaten ago

    Großartig, Danke für die Flashbacks… meinen ersten Klaren hatte ich beim Vereinsausritt, mit 12… stell Dir das heute mal woanders vor… aber wir sind auch behütet aufgewachsen, ich war viel länger Kind, das finde ich jetzt noch extrem positiv.




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  • 3 Monaten ago

    Sehr schöner Artikel! Kann dir als Dorfkind vollkommen zustimmen! Und zwar in allen Punkten! Aber überrascht hat mich doch, dass die Scheidungsrate auf dem Land geringer ist, wegen der beschränkten Auswahl. Aber wenn aber mal kurz darüber nachdenkt, hast damit schon recht!

    LG
    Lisa
    http://www.paarmode.de/




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  • Anna
    3 Monaten ago

    hahahah, ach wie toll! Kann ich alles zu 100% nachvollziehen.
    Zu Schützenfesten gab es allerdings eine etwas ausgeschmücktere Variante der Getränkekarte
    1. Kalte Ente für die Hofdamen (Bowle aus Sekt, Weißwein und Limo)
    2. BMW (Bier mit Wasser)
    3. FaKo (Fanta-Korn)




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    • Jana
      3 Monaten ago

      kalte Ente kannte ich noch gar nicht




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    • 2 Monaten ago

      FaKo wird bei uns im Norden auch gern getrunken. Witzigerweise nennen wir es auch FaKo




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  • 2 Monaten ago

    Ein super klasse Eintrag, der beim Lesen eine menge Spaß gemacht hat!

    Allerliebste Grüße,
    Katta




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  • 2 Monaten ago

    Oh ja! Ich musste sehr schmunzeln:)




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  • Anonymous
    2 Monaten ago

    On Ponint! &Discofox lernt man mit 13 auf dem Schützenfest




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  • 2 Monaten ago

    wow was für ein toller beitrag manchmal ärgert es mich doch, dass ich noch immer am land wohne – aber es ist doch das bessere leben einfach viel unbeschwerter u man setzt sich nicht so unter druck als wenn man in der stadt wohnen würde!
    du sprichst mir aus der seele – jeden der punkte kann ich zu 100 % zustimmen!
    glg katy

    http://www.lakatyfox.com




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