logo_frei

Schäm dich

‚Wenn ich mal erwachsen bin, steh ich über den Dingen‘ dachte ich damals als naiver Teenager. Erwachsene sind weise und haben ihr Leben im Griff. Die halten sich nicht auf mit diesem ganzen Nonsense, dieser Unsicherheit und wissen ganz genau, wie sie sich in bestimmten Situationen zu verhalten haben. Dann kommt die Realität und plötzlich merkst du, dass das alles eine riesige Lüge ist.

When you look back on your life, you’ll regret the things you didn’t do more than the ones you did.

sagen verträumte Tumblr Zitate ja immer so vor sich hin. Aber die kennen wohl einfach mich nicht. Klar bereue ich manchmal etwas, was ich nicht gemacht habe, aber viel öfter bereue ich, dass ich etwas gemacht habe und schäme mich im Nachhinein in Grund und Boden. Oh Gott, ich bin voller Reue.

Von betrunkenen Whatsappnachrichten und Instastories bis hin zu dämlichen Sprüchen oder häufigem Verlust meiner motorischen Fähigkeiten. Stürze, Verpeiltheit, Dummheit… Und völlig ohne Zusammenhang erinnere ich mich wieder mal an das eine mal vor 5 Monaten, als ich mich viel zu sehr in einen dummen Spruch hineingesteigert habe und irgendeine fremde Familie und ich uns mitten auf der Straße gegenseitig angebrüllt haben. Ich schäme mich, wenn ich einen Korb bekomme, wenn ich versucht habe, witzig zu sein, ich schäme mich sogar für Situationen, die gar nicht passiert sind, aber passieren könnten, wenn es einen Atomkrieg geben sollte und alle Menschen sich nur noch auf den Händen fortbewegen würden.

Ich verbringe einen wahnsinnig großen Anteil meiner Zeit damit, mich für Situationen zu schämen, die ich gar nicht mehr ändern kann oder sogar niemals passiert sind. An die sich wahrscheinlich niemand außer mir erinnern kann, aber jedes mal würde ich alles geben, um die Zeit zurück zu drehen und nie kann ich es mir selbst recht machen. Wenn ich die Klappe halte, ärgere ich mich meistens, dass ich einfach nur geschwiegen habe. Wenn ich meinen Mund aufmache, denke ich mir im Nachhinein oft, dass ich um einiges peinlicher war, als irgendwie hilfreich. Fakt ist also, ich verbringe unfassbar viel Zeit mit einem Gefühl, das mir rein gar nichts bringt. Mit Gedanken an eine Situation, die ich nie wieder ändern kann und es bringt mir rein gar nichts, außer schlechte Laune.

Wer hat eigentlich behauptet, diese Unsicherheit würde irgendwann verschwinden? Und wieso ist es mir noch immer so wichtig, was andere Menschen von mir denken? Menschen, die ich teilweise nie wieder sehen werde? Entweder ist die ganze Sache mit dem Erwachsen werden eine Lüge und wir müssen irgendwann einsehen, dass mit der Pubertät nicht das schlimmste vorüber ist, sondern die Wahrheit ganz anders aussieht: Es wird nur einfach komplizierter und ein Ende ist nie in Sicht. Vielleicht bin ich einfach nicht richtig erwachsen geworden, sondern irgendwo stecken geblieben. Ich versuche mittlerweile jedenfalls, meine Gedanken zu lenken. Wenn ich mich wieder automatisch in Dinge reinsteigere, die vor Monaten passiert sind, befehle ich mir selbst, den scheiß gefälligst mal zu lassen.

  1. Dazu muss man sich selbst wieder zurück in die Gegenwart befördern, während der Geist mal wieder zwischen Vergangenheit und ‚was-wäre-wenn‘ schwebt. Wir sind doch alle mal peinlich, ist doch ok und gerade ist überhaupt nichts passiert. Hier ist nichts, was du gerade ändern könntest.
  2.  Man muss aufhören, die Sache größer zu machen als man selbst. Meistens geht es um Kleinigkeiten, die ich so oft durchdenke, dass sie einen viel größeren Effekt auf mich haben, als sie irgendwie wichtig sind. Ich habe das eigentliche Geschehen mit einer falschen Erinnerung gesetzt, weil ich anfange, eine ursprünglich kleine Situation viel zu sehr zu dramatisieren, weil ich mir vielleicht ausgemalt habe, was noch passieren hätte können und diese alternativen Ereignisse mit der Realität versponnen habe.
  3. Wenn es gar nichts hilft, hilft reden. Wenn man ausspricht, für was man sich so sehr schämt muss einem das Gegenüber meist nicht einmal mehr sagen, wie übertrieben und bescheuert das Ganze ist, man merkt es meistens bereits, während man die Geschichte erzählt.

9 Comments

  • Jenny
    3 Monaten ago

    Was für ein schöner und ehrlicher Post! Mir geht es auch oft so… und es ärgert mich mich darüber zu ärgern und mich so lange mit so einem Quatsch zu beschäftigen. Man kann es ja doch nicht mehr ändern! -Das sollte man sich sicher öfter ins Gedächnis rufen.
    VG
    Jenny




    0



    0
  • Sarah
    3 Monaten ago

    Ich kann das so sehr nachvollziehen. Mir geht’s oft genauso!
    Hätte auch gern so eine „Scheiß-was-alle-denken“-Attitude.
    Werde ich aber niemals haben, so bin ich wohl einfach nicht.

    Allerdings versuche ich mich auch oft, ähnlich deiner 3 Schritte, wieder rauszuholen aus diesen Reinsteiger-Momenten!

    Guten Start in die Woche




    0



    0
  • Anonymous
    3 Monaten ago

    Sehr toll geschrieben, stimme dir zu!




    0



    0
  • Verena
    3 Monaten ago

    Oh Jana, normalerweise bin ich kein großer Kommentar-Schreiber, aber mit diesem Beitrag sprichst du mir wirklich aus der Seele. Ich verbringe auch soviel Zeit damit, mir Gedanken über irgendwelche DInge und Situationen zu machen. Und wenn man dann mit anderen darüber spricht, wird ganz oft klar, dass es anderen Personen gar nicht aufgefallen ist bzw. nicht als peinlich empfunden wurde. Das mit dem Erwachsen und gelassen werden, ist wohl nur ein Gerücht oder so. Liebe Grüße!




    1



    0
    • Jana
      3 Monaten ago

      Dann freu ich mich, dass du und die anderen trotzdem geschrieben haben. Ich bin selbst sehr kommentierfaul geworden bei all dem gelike, aber es ist wirklich schön, Feedback zu bekommen




      0



      0
  • Hannah
    3 Monaten ago

    Dinge, für die ich mich schäme und die mir peinlich sind oder Situationen, in denen ich mich falsch verhalten oder mich
    wie der letzte Horst benommen habe, die erzähle ich so oft wie möglich einer anderen Person,
    denn mit jedem Mal erzählen fühlt es sich ein wenig leichter und lustiger an, bis ich am Ende die ganze Sache ab-
    haken und vergessen kann, weil ich sie nicht mehr als bedrückend oder peinlich empfinde. LG Hannah




    1



    0
  • 3 Monaten ago

    Das ich mich schäme bzw. dass mir etwas peinlich ist, kommt ziemlich selten vor. Was daran liegt, dass mir alles immer sehr gut überlege und bewusst nur Dinge tue, zu denen ich 100%ig stehen kann!<3
    http://www.blogellive.com




    0



    2
  • Anja
    3 Monaten ago

    Hm also ich finde es eigentlich eine gute Einstellung, sich auch mal zu schämen und etwas peinlich zu finden. Es ist eigentlich ein Dienst an der Gesellschaft, denn was für eine Horrorvorstellung ist das Gegenteil: Wenn man sich nicht überlegt, was für Folgen das eig. Handeln haben kann oder sogar schon hatte, es wäre das pure Chaos und die absolute Hölle im Zusammenleben. Der Grundansatz ist also im grunde toll!
    Aber das übersteigerte Selbstreflektieren ist enorm anstrenegend, bedrückend und ermüdend, finde ich auch…. man braucht furchtbar lange um über gewisse Situationen hinwegzukommen.




    0



    0
  • 3 Monaten ago

    Ich kann dich total verstehen, mir geht es genauso!
    Ganz liebe Grüße,
    lav.




    0



    0

Leave A Comment