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Mitten in Nordvietnam 1/2

Irgendwann morgens, um einiges früher als abgemacht, wurden wir in unserem Hotel in Hanoi abgeholt. Nach mehreren Versuchen verstanden wir, dass unser Fahrer Bao Dai heiß, aber das ist ok, weil Ansgar bis zum Ende Angaaah hieß. Im Auto wartet schon unser Fahrer auf uns. Ein lustiger Typ, der kein Wort Englisch kann, aber sich auch bestens ohne Worte verständigen kann. Zu viert machen wir uns auf den Weg in den Norden.

Vietnamesen stehen auf Milch, das ist dort ein fancy Lebensmittel. Man ist überzeugt: Milch ist gesund und gerade für die Knochen so etwas wie ein Wundermittel. Erster Stop also ein kleiner Shop für Milch, gleich an der Hauptstraße. Dort sitzen wir unter einem Blechdach und trinken Ziegenmilch, dazu eine Art Ziegenkekse während rund um uns Vögel in engen Käfigen schrien und nach einer Flüchtmöglichkeit suchen. Das ist eine Sache, die manchmal aufschlägt. Manchen Tieren geht es wahnsinnig gut, die Ochsen chillen den ganzen Tag auf dem Feld, bis sie Abends irgendwann gemütlich nach Hause trotten. Hunde tollen über die Straßen, Hühner laufen frei herum, aber es gibt eben auch die andere Seite und die betrifft zum Beispiel Vögel sehr stark.

Weiter gehts nach unserem kurzen Stop. Da wo wir herfahren gibt es keine toll ausgebauten Straßen, also brettern wir im Slalom an Schlaglöchern und grasenden Ochsen vorbei, bis meine Blase sich meldet. Die Ziegenmilch… Ob es irgendeine Chance auf eine Toilette gibt, frage ich Bao Dai. Er will mal schauen. Und während wir immer weiter fahren und ich immer angestrengter nach Büschen oder versteckten Ecken suche, hinter die ich in aller Eile rennen kann, steuern wir auf eine riesige Lagerhalle zu. Doch keine Halle, sondern eine Mall, wie sich heraus stellt und sie ist extrem gut besucht – scheint die Hauptattraktion im Dorf zu sein. Ich stürme zur Toilette und als ich wieder heraustrete merke ich, wie man mich zunächst anstarrt und dann die Handys zückt. Ein älterer Mann fängt an, Fotos von Ansgar und mir zu schießen. Danach werden Kinder neben uns gestellt und weitere Fotos gemacht. Wir sind ein wenig verwirrt, lächeln dann etwas unsicher in die Kamera. Der Mann fängt an, uns nähere Anweisungen zu geben, wie wir posieren sollen. Es wird immer bizarrer, aber nachdem jeder ein Foto gemacht hat und unser Guide einkaufen war, geht’s dann weiter ins Land hinein. Uns wird bewusst, dass das hier nicht der gewöhnliche Touri-Trip ist.

Im Auto döse ich irgendwann weg. Ich hab mich an die holprigen Straßen und das Slalom fahren gewöhnt und kriege nicht mehr alle 10 Sekunden einen Schrecken, wenn wieder mal ein Ochse aus dem Nichts auftaucht und die Straße kreuzt. Auch das regelmäßige Gehupe vor jeder Kurve, Tier, Mensch, Roller und wenn es einfach mal zu ruhig scheint, nehme ich gar nicht mehr wahr. Ich wache auf, als wir auf einen Hof fahren: Ein Homestay erklärt unser Guide. So etwas wie das vietnamesische Bed and Breakfast. Dieses wird von White Tai People geführt, eine kleine ethnische Gruppe in Vietnam, ungefähr 300.000. Wir erfahren zum Beispiel, dass alle verheirateten Frauen ihr Leben lang einen Dutt tragen. Sie sind bekannt für ihre Höflichkeit und Freundlichkeit und genauso herzlich werden wir empfangen. und Die Gäste schlafen in der oberen Etage gemeinsam in einem großen Raum, den man durch Vorhänge in kleinere Räume einteilen kann. In diesem Fall eine große Gruppe Touristen aus Südvietnam. Ganz links im kleinen Raum schläft niemand, außer der Geist der toten Vorfahren, die haben nämlich einen eigenen Raum für sich und Frauen dürfen den wohl grundsätzlich nicht betreten. Ganz rechts schlafen die Gastgeber, alle in einem Raum. Das waren bestimmt 8 Personen. Mein erster Gedanke war, hoffentlich schnarcht niemand.

 Zu Essen gibt es eine Menge Gemüse, Reis und Tofu. Für Guide und Fahrer auch Fleisch und Fisch und als besondere Delikatesse gegrillte Insekten. Ansgar beschließt, so ein Tierchen zu probieren und lässt es bei dem Versuch fast auf mich fallen, wobei ich einen halben Herzinfarkt bekomme und nun ganz sicher weiß, dass Insekten essen nicht auf meiner Bucket List steht. Die anderen lachen mich ganz klar aus, während ich mich von meinem Schock erhole.

Nach dem Essen haben die Gastgeberinnen oben einstudierte Tänze aufgeführt, und eine der Frauen hat gesungen, das ganze immer im Wechsel. Die anderen Touristen haben sich nach und nach aus dem Staub gemacht und mir tat das ganze immer ein bisschen leid. So richtig zu interessieren schien das ganze niemanden. Wir wollten noch ein bisschen im Dorf rumlaufen, aber sowohl uns als auch unserem Guide war es unangenehm, aufzustehen, wo wir plötzlich die einzigen Zuschauer waren. Nach dem vierten Song haben wir uns unter Beifall auf den Weg gemacht und sind rechts hinter’s Haus auf den Feldweg eingebogen, in der Ferne schon laute Techno Musik zu hören.

Und während wir an den Höfen vorbei laufen, ein paar skeptische und neugierige Blicke ernten, kommen wir an der lauten Party vorbei und sind mitten drin, bevor wir überhaupt wissen, was passiert. Eine kleine Frau zerrt mich an den Händen auf eine Tanzfläche. Wir befinden uns am Straßenrand unter einem großen, provisorischen Plastikdach, sieben bis acht Leute stehen im Kreis in der Mitte und versuchen sich zu der lauten Musik zu bewegen.

Ein paar Kinder stehen amüsiert am Rand, ein Mädchen fängt an, uns mit einem Tablet zu filmen. Vor uns gibt es eine Bühne: Ein Mann und eine Frau singen dort nicht recht im Takt in ein Mikrofon und wedeln mit Salatblättern in der Hand herum, es ist ein bizarres Bild und ich brauche einige Zeit, um alles zu realisieren. Es ging alles so schnell, ich wusste gar nicht, was passiert, also versuche ich irgendwie zur Musik zu wippen, denn gehen können wir nicht: Wir werden noch immer mit festem Griff an der Hand gehalten. Gehen durften wir erst, nachdem wir einen Schnaps getrunken haben, ein bisschen wie bei uns also. Eine Hauseinweihungsparty erklärt uns Bao Dai. Und als wir am Nachmittag zuällig dazu stießen, hat nur noch der harte Kern durchgehalten, mit ordentlich Reiswein intus.

Irgendwann gegen Abend kommen wir in unserem Hotel an. Sogar einen eigenen Raum haben wir, mit einem eigenen Bad stelle ich begeistert fest. Ok, die Ecken sind geschmückt mit Spinnenweben und alles ist ein bisschen improvisatorischer als man es sonst gewöhnt ist, aber es fühlt sich echt an, abenteuerlicher als die schicken Hotels, die man sonst so oft gewöhnt ist und ich danke, ich kann mich dran gewöhnen. Jetzt, wo beinah eine gegrillte Grille auf meinem Schoß gelandet ist (danke Ansgar) fühle ich mich knallhart. Ich bin Steve Irwin 2.0! Nichts kann mich schocken! Ok, bis auf die Matratze, die einfach ein Brett ist. Ich beschwer mich nie wieder über harte Matratzen.

20 Comments

  • 3 Monaten ago

    Ein schöner Beitrag! Ich finde du beschreibst deine Eindrücke sehr gut und ich fühle mich fast, als wäre ich ein bisschen dabei bei eurem Trip

  • 3 Monaten ago

    Wunderschöne Eindrücke und tolle Bilder!! Es ist so unfassabr interessant und beeindruckend wie die Menschen dort ihren Alltag erleben. WOW!
    Liebe Grüße

    Nadine von tantedine.de

  • 3 Monaten ago

    Wow, die Fotos sind wirklich beeindruckend Solche Posts gehören mit zu meinen Liebsten

    Liebe Grüße

    http://nilooorac.com/

  • 3 Monaten ago

    Deine Eindrücke sind wirklich wahnsinnig interessant, gerne mehr davon!

    Alles Liebe,
    Fee

  • Constanze
    3 Monaten ago

    Gut geschrieben, Jana! Da war Kopfkino an und man war irgendwie mit dabei

  • Anonymous
    3 Monaten ago

    Uff ich war vor einem
    Jahr auch lange Zeit in Vietnam, so herrlich und verrückt, ich will wieder hin!

  • 3 Monaten ago

    Oh wie sehr habe ich mich auf den ersten Beitrag gefreut!!! In meinem Kopf war ich quasi live dabei Vietnam ist schon ein tolles Land, aber für uns doch ein Kulturschock!!! Ich hoffe die Nacht auf der „Matratze“ hast du gut überstanden? Die Eindrücke bei einer solchen Reise nimmt einem zum Glück keiner mehr und du hast es so wunderbar beschrieben, so dass glaube ich jeder einen Eindruck von eurer Tour bekommen konnte, egal ob er schon in diesem Land war oder nicht!
    Liebst Kathi
    http://www.meetthehappygirl.com

  • 3 Monaten ago

    schöner beitrag und richtig tolle eindrücke danke
    schönen abend
    LA KATY FOX
    Instagram||Facebook

  • 3 Monaten ago

    Wow die Fotos sind einfach beeindruckend. Das sind super Eindrücke.
    Wünsche dir noch einen schönen Sonntag Abend.
    Liebe Grüße Lisa
    http://hellobeautifulstyle.blogspot.de/

  • 3 Monaten ago

    Ein richtig toller Beitrag!

    thedaydreamings.blogspot.com

  • 3 Monaten ago

    Oh das klingt nach einer sehr spannenden Reise. Das mit den Schlaglöchern kommt mir sehr bekannt vor aus Kuba.
    Ich bin gespannt auf weitere Berichte von dir, Vietnam steht definitiv auch noch auf meiner Bucket List.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at

  • 3 Monaten ago

    Ein toller Post liebe Jana! Ich fühlt mich, als wäre ich dabei Du steigerst meine Vorfreunde auf meinen bevorstehenden Vietnam Trip. Freue mich schon auf deine nächsten Beiträge.
    Alles Liebe und viel Spaß
    Mira

    http://www.mira-mirror.com

  • 3 Monaten ago

    Tolle Bilder….ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt und schwelge in Gedanken meiner Vietnamreise
    Danke fürs Teilen

    Liebe Grüße
    Cherifa
    http://www.curlsallover.com

  • Kerstin
    3 Monaten ago

    Wow, ihr erlebt ja echt tolle Sachen :-). Ist die Matratze ernsthaft ein Brett? Also nicht nur so hart wie ein Brett sondern wirklich ein Brett? Ist vielleicht echt ne doofe Frage, aber es interessiert mich wirklich.
    Ganz viel Spaß und eine tolle Reise noch!

    Liebe Grüße,
    Kerstin

    • Jana
      3 Monaten ago

      Ich weiß noch, wie wir in Hanoi ankamen, im Hotel, ich mich auf die Matratze geworfen habe und dachte ‚boah ist die hart‘. Ich glaub sowas denke ich nie wieder nach der Nacht im Dorf. Welch ein Luxusproblem. Ja, die Matratze war tatsächlich steinhart, man konnte drauf klopfen wie auf einem Brett und ich hatte kurzzeitig den Gedanken vielleicht einfach draußen im Gras zu pennen. Ich hab letztendlich Ansgars Kissen geklaut und irgendwie dadrauf geschlafen.
      Wenn du mal in Nordvietnam bist, frag am besten nach einer extra Decke, das hab ich in der zweiten Nacht gemacht. Aber man gewöhnt sich irgendwie recht schnell dran.

      • Kerstin
        3 Monaten ago

        Vielen Dank für deine Antwort und den Tipp mit der extra Decke! Irgendwie ist es ja auch schön, wenn man auf Reisen erkennt, dass das, was für uns selbstverständlich ist, eigentlich Luxus ist. Und irgendwie stell ich es mir auch schön vor, wenn alles so auf das Wesentliche reduziert ist. Andererseits kann man das natürlich leicht sagen, wenn man gerade nicht auf einer steinharten Matratze liegt :-). Jedenfalls vielen Dank für deinen tollen Reisebericht!

        Liebe Grüße

  • 3 Monaten ago

    Hahaha, zu gut, es macht so Spaß deine Berichte zu lesen
    ich bin schon auf Teil 2 gespannt.

    xx
    ani von ani hearts

  • 3 Monaten ago

    Ziemlich spannend!:) ich freu mich schon auf weitere Berichterstattungen!!

    Liebst, Anne

    einfachanne.wordpress.com

  • 3 Monaten ago

    toll schreibst du ! vietnam war eine meiner lieblingsreisen, hach man will gleich wieder los…!

    Lg aus Paris! (naja, NYC zZ ^^)

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